100 Jahre sind ein Tag
Am 23.Mai 1911 startet im piemontesischen Mondoví die 5. Etappe des Giro d’Italia. Sie endet nach über 300 Kilometern im Arbeiterviertel „Pozzo Strada“ in Turin. Dazwischen liegt Sestriere, heute weltbekannter Wintersportort, vor 100 Jahren unwirtlicher Alpenübergang, an dem ein Straßenwärterhäuschen („cantoniera“) stand. Es ist die erste Etappe des Giro überhaupt, die auf eine Seehöhe von über 2.000 Metern führt.
Am 23. Mai 2011 gedenkt das Radkollektiv Radcore dieses herausragenden Ereignisses. Rund 20 Frauen und Männer bewältigen exakt dieselbe Strecke von Mondoví über Sestriere nach Turin.
Es ist der Versuch, ein historisches Ereignis angemessen in die Gegenwart zu transferieren (inspiriert von „Rapha“).
300 Kilometer
Für die 20 Hobbyathleten bedeuten die über 300 bergigen Kilometer an nur einem Tag zwischen Sonnenauf und -untergang eine echte Herausforderung. Zum Vergleich: Die längste Etappe des Giro d’Italia im heurigen Jahr misst 246 Kilometer. Um das Wagnis zu bewältigen, haben die meisten schon im Winter in Wien mit dem Training begonnen, meistens bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.
Heroen auf Stahl
Wir Hobbyfahrer und -fahrerinnen vertrauen auf Carbon und Aluminium. Das leichteste unserer Räder wiegt keine sechs Kilogramm, kaum eines mehr als acht. Vor 100 Jahren bringen die Stahlrösser der Profis rund das Doppelte auf die Waage. Der Fahrer hat genau zwei Gänge zur Verfügung. Um den Gang zu wechseln, muss er stehen bleiben, das Hinterrad ausspannen und es wenden. Dann geht es weiter.
Großer „Kleiner Bretone“
Einen Sieger wie damals wird es nicht geben. Das Ziel lautet: Ankommen, bevor die Nacht einbricht. Trotzdem denken wir an den „Petit Breton“, der damals der Schnellste war. Lucien Mazan, der „Kleine Bretone“ ging für Fiat an den Start. Der Tour de France-Sieger der Jahre 1907 und 1908 war der optimale Werbeträger für ein von Fiat konzipiertes, neues „Volksrad“, das schon eine Art automatischer Gangschaltung besaß. Tatsächlich siegte Petit Breton vor seinen italienischen Kontrahenten Galetti (dem späteren Gesamtsieger) und Ganna. Die erste Tat Mazans nach elf Stunden erbitterten Kampfes war ein Telefonat mit seinen Lieben, um die unerhörte Siegprämie, die er von Fiat einstrich, zu bejubeln (Gasport, 17.5.1996, Seite 22). Einige Etappen später versagte das experimentelle Material des Bretonen. Alle Hoffnungen auf den Sieg verspielt.
„…das Land, wo die Citronen blühn…“
Das Radkollektiv Radcore weiß den weißen Trüffel zu schätzen, es hält den dunkelroten Barolo in Ehren, begeistert sich an Campagnolos Super Record, erzählt sich Legenden von Coppi und Moser und hat hunderte intime Urlaubseindrücke in seinem Kollektivgedächtnis gespeichert: Italien bezaubert heute genauso wie seit Jahrhunderten (trotz Berlusconi).
Auf der langen Fahrt über die Hügel des Piemont erwarten wir ungesehene Landschaften, wir freuen uns auf Begegnungen an der Strecke. Die Eindrücke werden lange vorhalten, denn es wird ein einmaliger Tag werden.
Freundschaft & Leidenschaft (amicizia & passione)
Sestriere 1911 ist nichtkommerziell und selbstorganisiert. Niemand schlägt Profit daraus, außer emotionalen. Angereist wird mit dem Zug, und weil es nicht anders geht, begleitet ein Besenwagen die Gruppe. Das Unternehmen ist aus den Freundschaften untereinander gewachsen. Was alle verbindet, ist die Leidenschaft fürs Radfahren.
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